blumenleere – wohin ein wind uns jemals traegt
16,00 €
inkl. MwSt. zzgl. Versandkosten
blumenleere
wohin ein wind uns jemals traegt
ISBN 978-3-931140-74-8
KILLROY media, 2026
KILLROY Künstlerbuch
84 Seiten
Zusätzliche Informationen
| Gewicht | 0,216 kg |
|---|---|
| Maße | 19 × 12,5 × 0,7 cm |
Zum Inhalt
blumenleere – wohin ein wind uns jemals traegt
wohin ein wind uns jemals traegt mag uns bei einer ersten, vorsichtigen Lektüre
zunächst vielleicht noch vornehmlich wie ein dem Wind und seinen verschiedenen
Stärken, Ausprägungen und Effekten verpflichteter Gedichtzyklus erscheinen. Schauen
wir allerdings etwas genauer hin, entpuppt sich das vorliegende Werk vielmehr als
komplexes poetisches Gesamtsystem in Form einer – eher Spirale denn Kreis –
konsequenten Endlosschleife, worin nach jedem insoweit in sich stimmigen Element –
Gedicht – drei Pfade hin zu anderen eröffnet werden. Eine Komposition, die
Linearität subtil bis radikal unterläuft und sich darin durchaus wiederum am
Spektrum des namensgebenden Phänomens und seiner letztlich Unberechenbarkeit
orientiert.
Analysieren wir daraufhin die Struktur, bemerken wir rasch, dass sich unser
Arrangement aus 11 x 11 Gedichten mit jeweils 11 Zeilen zusammensetzt – quasi 10
plus 1, um das traditionell mystisch-magisch symbolisch Abgeschlossene, „Perfekte“ der
10 aufzubrechen und mit einer Ahnung auf das Künftige zu versehen. Auch herrscht
insgesamt nur vermeintlich Symmetrie – unsere zentral verorteten Orkane – exzessive
Kulminationen eines Sich-Aufbauens, woraufhin zwangsläufig Abflauen einsetzt –,
bezeichnen keine inhaltliche Mitte, sondern Transitionszonen, Verwirbelungen, die
Aussagen eher suspendieren denn fixieren. Sie markieren just jene kritischen Orte, an
welchen unsere Vektoren ihre Richtung ändern – oder gar ändern müssen. So ergibt sich
uns, theoretisch, eine modulare Sequenz aus 11 Abschnitten, deren räumliche und
zeitliche Ausdehnung – und die ihrer internen Elemente – erst im jeweiligen Leseprozess
Gestalt gewinnt: flauten – brisen – winde – boen – stuerme – orkane – stuerme –
transitionen zu uebergaengen – winde – brisen – flauten.
Obzwar die Hauptströmung der Ereignisse – aufbrausen, abflauen; repeat –
nämlich gewissermaßen zirkulär, im Uhrzeigersinn verläuft – u.a. illustriert dadurch,
dass während des Überschreitens des sechsten Gedichts der Orkane das numerische
Vorher zum Nachher bezüglich der Anordnung der Abzweigungen umschlägt (par
exemplum statt „I XXXII LXI“ „LXI I XXXII“) –, invertieren bzw. verwirren mitunter
aneinander sich reihende Ausreißer diese Tendenz. Rein und ausschließlich zeitlich
dahingegen ist alles, was kommt, unabhängig der Nummerierung, danach und alles,
was bis dato schon durchlaufen wurde, davor (hypothetische Reihenfolge: I-X-V-IIIXXX-
II; hierin würde XXX zeitlich vor II stattfinden).
Angelehnt an reale meteorologische Verhältnisse, Dynamiken und
Potenziale: im moderaten Bereich bilden winde permeable Schnittstellen, von denen
aus nahezu alles erreicht werden kann, von flauten und brisen zu boeen, stuermen und
orkanen aber fast ausschließlich über Zwischenschritte und vice versa – transitionen zu
uebergaengen artikulieren bedingt die booen des Abflauens –, derweil nahezu jederzeit
Abflauendes in sich Aufbauendes übergehen könnte und ebenso eben umgekehrt.
Das durchgehend verwendete Wir setzen wir bewusst: es verweist auf die akute
Selbstbezüglichkeit der Endlosschleife, auf die Art, wie wir uns in unseren eigenen
Echokammern bewegen, wie Identität sich durch Rückkoppelung, Resonanz,
Verzerrung formt. Dieses kollektive Wir – das auch das Exposé selbst spricht – erlaubt es
uns, das Wechselspiel zwischen Eigenem und Anderem, Innen und Außen, Individuum
und Umwelt zu fokussieren.
Inhaltlich, dementsprechend, entfalten die Gedichte – implizit wie explizit – eine
künstlerisch, lyrisch philosophische Untersuchung von Identität in Form eines
Flüchtigkeit, Prozessualität, Nicht-Stabilisierbarkeit transportierenden Modells,
hauptsächlich vermittels sich steigernder Bewegung und deren Verblassen. Unsere
einzelnen Gedichte fungieren dabei gleich Registern einer Klaviatur: einander
ergänzend, kontrastierend, widerstreitend.
Jedwede Zunahme externer Reize und innerer Ansprüche fordert und fördert uns, kann
uns jedoch ebenso verletzen und signifikant stören; in Phasen ihres Ausbleibens,
dahingegen, geraten wir in Oszillationen zwischen Hybris und Verzweiflung,
Dekadenz und dringend benötigter Ruhe, zwischen expansiver Euphorie und
introspektiver Erschöpfung. Aufwärtsbewegungen von Herausforderungen induzieren ein
progressives, beinahe berauschendes Momentum; ihr Abklingen, wiederum, hinterlässt
oft eine dunklere, pessimistischere Färbung – jedoch stets ambivalent genug, darin
neue Deutungen, alternative Zugänge und unvorhersehbare Richtungen zu ermöglichen.
Vorgegeben durch die Charaktere der übergeordneten Sektionen werden wir beim Lesen
potenziell unterschiedlich weit „verblasen“. Gen Orkane und spätestens ab diesen
dominieren mehr und mehr alles daraufhin Folgende infizierende und umdeutende
Momente des Chaos, des Unsteten, des Unbewussten, des Traums.
Spätestens jetzt offenbart sich uns, inwiefern der vermeintliche Anfang I keinen Anfang
im klassischen Sinn darstellt, sondern, analog zu jeglichem anderen Abschnitt – jedem
anderen Gedicht –, ein uns zerfließendes Interim. Nennen wir die Gedichte der
Einfachheit halber auf diversen, nichtdestotrotz sinnvoll und ausgesprochen bedacht
gewählten Wegen erreichbare Knotenpunkte – zu manchen hin münden wenige Pfade,
zu manchen etliche –, erleben wir – und darin etabliert sich der eigentliche Clou des
Werkes – insbesondere im Rahmen wiederholter Durchläufe erstaunliche und uns
überraschende Modifikationen ihrer Bedeutungen via Verschiebungen der mit ihnen
zusammenhängende Kontexte und Verkettungen.
Synchron zu unserem Leben verändern sich unsere Anschauungen mit unserem
Lernzuwachs. Je mehr wir uns einlassen, desto präziser können wir erahnen, wohin die
Pfade führen – und dennoch bleiben unsere Entscheidungen, wie außerhalb der Literatur,
auf Indizien angewiesen. Absolute Prognosen wären höchstens bei absoluter Kenntnis
sämtlicher Bedingungen eventuell möglich – eine Utopie, die das Werk kritisch
reflektiert.
wohin ein wind uns jemals traegt stellt somit einen mehrdimensionalen
experimentellen Spielraum dar, in dem Wind sowohl meteorologisches als auch
existenzielles Prinzip sei: Bewegung, Stillstand, Drift, Rekursion und Wiederkehr. Ein
Zyklus, der nicht gelesen, sondern durchlaufen wird – immer wieder modifiziert,
immer aus einer veränderten Position heraus – wir erhalten ergo ein der jeweiligen
lesenden Persona angemessenes Langgedicht, das in Richtung Unendlichkeit und
Unwiederholbarkeit strebt.
Über den Autor
blumenleere
blumenleere: geboren als Michael Johann Bauer, 1979, in Schrobenhausen, aktuell
wohnhaft in Augsburg, betrachtet sich als offenes autopoietisches System und zugleich
Spielraum der sich unablässig wandelnden Persona blumenleere, die sich innerhalb ihres
Schaffens im Sinne von Gesamtkonzept, Lebensentwurf und Weltanschauung aktiv und
vornehmlich prozessorientiert an der Schnittstelle von Kunst, Philosophie und Poesie
verwirklicht.
Zahlreiche Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften (u.a. in das narr, perspektive,
Ostragehege, Manuskripte, Akzente, außer.dem, Mosaik, Ausreisser, Maulhure) Anthologien
sowie auch eigenständige – zuletzt vibrant (moloko print, 2024) und Fragmente einer Stadt
(kul-ja publishing, 2025) – mit einer umfangreicheren Übersicht hier:
https://www.literaturport.de/lexikon/persona-blumenleere/
Steht zudem hinter dem Konzept, Projekt und der u.a. Zeitschrift zur philosophie des
schenkens: www.zurphilosophiedesschenkens.com



